Lebensräume in der Haut

Ein großartiges Produkt aus dem Hause L’Oréal verdient wieder einmal meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Als Allheilmittel für kleine und größere Fältchen, vor allem im Gesicht, derzeit heiß beworben: der Collagen Auffüller. Erhältlich in diversen Varianten (etwa eine besonders kleine Tube speziell für den Bereich um die Augen oder auch eine Tages- und eine Nachtpflege) versprechen die Kosmetikprodukte wahre Wunder bei der Reduzierung von Unebenheiten im Gesicht der Anwenderin. Wie das gehen soll wird uns natürlich auch erklärt:

“Collagen-Biosphären dringen in die Epidermis ein und wachsen beim Kontakt mit dem in der Haut befindlichen Wasser um ein 9-faches. Der Falten-Hohlraum ist wie angehoben. Die Soft-Reflex-Technologie vereint eine samtige Textur mit roséfarbenen Nacrépartikeln, die einen sofortigen Kaschiereffekt haben.”
Letzter Satz in anderer Fassung: “Die glättende Silikontextur legt sich in die Hohlräume und füllt die Falte von außen auf.”

Bitte was?! Das ist so zweifelhaft, wie es sich anhört, aber gehen wir es doch der Reihe nach durch.

1. Collagen, im Deutschen eher Kollagen, ist das im menschlichen Körper am häufigsten vorkommende Eiweiß. Es ist so ziemlich überall drin, wo man besondere Festigkeit braucht: Knochen, Haut, Knorpel und noch einige mehr. Stellt man Kollagen industriell her (was bei Hautcreme wohl der Fall sein dürfte), so geschieht das in Form von Gelatine. Und die wird, laut Wikipedia, “meist aus Schlachtabfällen gewonnen”. Ob das auch beim Collagen hier so ist, kann nicht nachvollzogen werden, aber der Schluss liegt nahe.

2. Biosphären. Bisher war ich immer der Meinung, dass Biosphären Orte sind, an denen Leben möglich ist. Wikipedia bestätigt diese Vermutung. Was genau eine Biosphäre nun mit Kollagen zu tun hat weiß wahrscheinlich nicht einmal die Marketingabteilung von L’Oréal, aber es klingt halt so gut. Wobei bezweifelt werden darf, ob die Anwenderin unbedingt einen Lebensraum in ihrer Oberhaut haben will (oder ob sie gegen das Leben im Gesicht vielleicht nicht doch noch ein Clearing-Produkt kaufen möchte, das dieses unterbindet). Ich glaube überhaupt nicht an den Lebensraum, viel eher an eine total in die Hose gegangene, pseudowissenschaftliche Wortschöpfung.

3. Falten-Hohlraum. Klingt wie ein Krater, oder? Aber zum Glück wird der ja angehoben! Durch das tolle Kollagen, das im Kontakt mit Wasser um ein 9-faches wächst! Erstaunlich? Wer schon mal Gelatine in Wasser gelegt hat, dem wird der Effekt wirklich nicht neu sein.

4. Soft-Reflex-Technologie. High-Tech-Blabla ohne etwas dahinter. Sanfte-Reaktion-Technologie? In Anbetracht der noch zu erörternden Nacrépartikeln wird man wohl eher von Reflexion statt Reflex ausgehen können, das klingt aber nicht mehr so toll und wurde deswegen wohl wegrationalisiert.

5. Roséfarbene Nacrépartikel. Wie erwartet findet Google zu Nacrépartikeln gar nichts außer Marketingfloskeln aus bekannter Schmiede. Ich vermute, dass sich Nacré irgendwie aus dem französischen Wort für Perlmutt (nacre) ableitet. Dann allerdings hätte der Akzent keine wirkliche Funktion, außer das Suggerieren, dass Nacré etwas besonders französisches ist. Wie man etwas, das in den unterschiedlichsten Farben je nach Lichteinfall schimmert, dazu bringt, einfach nur noch rosarot zu schimmern, kann ich allerdings nicht erklären. Einfacher wäre es wohl, einfach nur Make-Up in die Creme einzuarbeiten.

6. Glättende Silikontextur, die sogar Hohlräume von außen auffüllt! Die entscheidende Frage ist hier wohl nicht, ob die Creme das tut, sondern wie lange. Kurzfristig kann ich meine Unebenheiten auch mit anderen Mitteln ausbügeln. Da das Zeug auf der Haut bleibt würde ich der Silikontextur eine Lebensdauer bis zum nächsten Waschen des Gesichts attestieren. Abgesehen davon bezeichnet Textur eigentlich nur die Oberflächenbeschaffenheit des Mittelchens und ich glaube kaum, dass man mit Oberflächenbeschaffenheit allein schon irgendetwas ausfüllen könnte.

Zusammengefasst zwei Übersetzungsversuche.
Wörtlich: Gelatine-Lebensräume dringen in die Oberhaut ein und wachsen beim Kontakt mit dem dort befindlichen Wasser auf das Neunfache. Dadurch erscheint die Faltentiefe reduziert. Die Sanft-Reaktions-Technologie vereint eine samtige Oberflächenbeschaffenheit mit rosaroten Perlmuttpartikeln und kaschiert sofort. (Variante: Die glättende Oberflächenbeschaffenheit legt sich in die Falte und füllt sie von außen auf.)
Ehrlich: Gelatine dringt in die Haut ein und saugt sich dort mit Wasser voll. Dadurch erscheint die Faltentiefe wie angehoben. Außerdem kaschiert das Produkt dadurch, dass es sich in die Falte legt, diese ausfüllt und dabei rosarot glänzt.

Eine Reaktion zu “Lebensräume in der Haut”

  1. Sascha

    Anna und Martin, Ihr seid super! Ich hab mich schon 2 Stunden mit Eurem Blog köstlich amüsiert und dabei hab ich bloß nach Claudia Bertani gesucht (die es ja leider nicht mehr gibt). Liebe Grüße, macht weiter so!

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