Harnstoff in besonders leichter Oberflächenbeschaffenheit

Nein, das ist kein Grammatikfehler, das ist eine Werbebotschaft. Ihr wundert euch? Wir auch.

Garnier hat (wieder einmal…) die Körperpflege revolutioniert. Mit Urea. Wikipedia weiß Bescheid, bei Urea handelt es sich um Harnstoff. Urea ist lediglich die mit Gewalt eingedeutschte Variante des englischen Namens.

“Entdecken sie den neuen Wirkstoff Urea jetzt in einer besonders leichten Textur…”

So säuselt es verführerisch im TV, während ich mich noch über die spontane Werbeattacke während meines Programms ärgere. Ich war mir am Anfang nicht ganz sicher, deshalb musste ich den Spot noch einmal abwarten, um mich zu vergewissern. Es gibt ihn wirklich “in einer Textur”, und zwar in Garnier Bodyurea.

Als erstes schrie natürlich mein Zockerherz auf, welches weiß, dass Texturen zweidimensional sind und mit Vorliebe das spritzende Blut von virtuellen Gegnern in Killerspielen auffangen. Per Definitionem haben sie somit ein Volumen von Null (abgesehen davon, dass sie nur auf dem Monitor existieren) und können nicht einmal theoretisch auch nur ein einziges Harnstoffmolekül enthalten. Als gebildeter Mensch weiß ich natürlich, dass das Wort Textur schon älter ist, als die Farbe auf Polygonen. Deshalb habe ich doch noch Wikipedia befragt. Aber irgendwie will mir in keine der Bedeutungen Harnstoff (oder auch irgendetwas anderes) passen. Vielleicht habt ihr ja mehr Glück.

Man kann Urea auch nicht wirklich als neu bezeichnen, zumindest nicht mit den Maßstäben des Marktes für Produkte zur Verbesserung des äußerlichen Erscheinungsbildes (mir fiel gerade nichts besseres ein, um Kosmetik, Mode und all die Sachen unter einen Hut zu bringen), immerhin gibt es solche Produkte schon länger.

Laut oben verlinktem Artikel wird Harnsäure in Kosmetika vor allem wegen seiner hohen Wasserbindungsfähigkeit eingesetzt. Allerdings ist er auch das bedeutendste Stickstoffdüngemittel und wird in hohen Dosen als Keratolytikum (gegen Pilz) eingesetzt. Interessant ist auch, dass er von Zigarettenherstellern in den Tabak gemischt wird, um den PH-Wert der Lunge beim Rauchen zu senken, sodass schwache Zigaretten wie starke wirken, weil das Nikotin besser aufgenommen wird. Man kann ihn auch als Streusalzersatz einsetzen.

Das ist ein richtiger Alleskönner, dieser Harnstoff. Aber viel Wasser auf der Haut trocknet die Haut aus, das ist bekannt. Außerdem können Wirkstoffe von Hautcremes über Haut schlecht bis gar nicht aufgenommen werden, bis in die unteren Hautschichten, wo etwas repariert wird, gelangen wir Wirkstoffe schon gar nicht.

Ungeachtet dessen lässt sich die Kosmetikindustrie einen neuen Namen nach dem anderen für neue und sogar alte Wirkstoffe einfallen, um ihre Cremes an den Mann (ja, hauptsächlich an die Frau, aber wir holen auf!) zu bringen. Ich bin gespannt, wie lange es dauert bis auch ich dem Schönheitswahn verfalle und auf unrealistische Versprechungen fliege wie die Motten ins Licht…

4 Reaktionen zu “Harnstoff in besonders leichter Oberflächenbeschaffenheit”

  1. Steffi Barbiespiele

    Meine Freundin hat mit urea sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich werde es auch mal ausprobieren, aber wahrscheinlich ist es doch wieder nur ein großes Werbeversprechen…

  2. Felice

    Urea wird als “Feuchthaltestoff” auch in med. Cremes verwendet, zur Pflege ca. 5-10%ig, um Hornhaut oder ähnliches aufzulösen ca. 20%ig. So ungefähr hab ich das im Kopf. Kommt halt noch auf die Grundlage etc. drauf an, aber neu ist es auf jeden Fall nicht. Die KonsumentInnen sollen halt wahrscheinlich auch drauf reinfallen, weil sie den Wirkstoff aus der Apotheke kennen. Werbung halt.

  3. Silke

    Schönes Blog, lese mich gerade fest!

    Urea ist tatsächlich wirksam und wird von Menschen mit Neurodermitis, Psoriasis, “trockener Haut” sehr geschätzt. Man kann Apothekenprodukte mit 5 – 10 % kaufen (teuer), ich habe mich ein bisschen schlau gelesen und mache meine Körpercreme selbst. Meine Hautärztin gratulierte mir zu der guten Idee und den Erfolgen. Zum Erfolg gehört natürlich auch der Verzicht auf sonstige Duftstoffe in Seifen, Shampoos, Waschmitteln.

    Basiscreme aus der Apotheke, 1000 g ca. 12 Euro
    Urea pura Pulver, Apotheke, Preis vergessen, war nicht viel
    Destilliertes Wasser

    Mit Dreisatz lässt sich – je nach Trockenheitszustand der Haut – eine 5 bis 10 %ige Urea-Creme anrühren. Je nach Bügelwasser-Menge auch in entsprechender “leichter Textur” , mit Vaseline angereichert auch “schwer” z. B. für trockene Hände und Füße.

    Kosten für 100 g Creme ca. 90 Cent.
    Na denn Waidmannsheil :)

  4. Phillip

    Nicht bestimmter Textur sondern in bestimmter Konzentration. Genau darum ging es eigentlich schon in meinem Beitrag.

Einen Kommentar schreiben