Zement-Ceramid Komplex

Gleich vorweg: nein, es geht hier weder um logopädische Übungsvokabeln, noch, obwohl der Name die Vermutung recht nahe legt, um ein neues Produkt aus dem Baustoffhandel. L’Oréal, die Spezialisten für Beauty-Produkte und wunderbare Wortschöpfungen legen wieder einmal nach. Nach Mikro-Ahornsaft und Gelee Royale wurde anscheinend wieder etwas gefunden, das die Haarpflege revolutionieren wird.

Das Problem: Aus irgendwelchen Gründen geschädigtes Haar. Laut Hersteller hat ebenjenes „seine natürliche Kitt-Substanz verloren“, weswegen sich Frau von heute jetzt die Nachbildung aus dem Hause L’Oréal in die Haare schmieren soll. Auch für den Wirkstoff, der das Problem lösen soll hat man einen neuen Namen kreiert: Zement-Ceramid Komplex. Wer will, der führe sich die Aussage hier zu Gemüte:

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Die Kittsubstanz im Haar gibt es tatsächlich. Allerdings ist sie nicht ein Zement-Ceramid Komplex, sondern ein Zellmembrankomplex. Inwieweit Zement-Ceramid da künstlich helfen kann, ließ sich nicht genauer recherchieren, was vor allem daran lag, dass es dieses Zement-Ceramid offensichtlich nur in der Werbung gibt. Wissenschaftlich fundierte Aussagen ließen sich bei meiner Recherche keine finden.

Was Fantasienamen für neue Inhaltsstoffe angeht hat L’Oréal ja wie berichtet noch nie ein glückliches Händchen gezeigt und dieses Zement-Ceramid scheint mir keine Ausnahme zu sein. Einer spontanen (nicht unbedingt repräsentativen) Umfrage hier zufolge assoziieren die meisten Befragten mit Ceramid überhaupt nichts, mit Zement dafür am ehesten Beton. Die Härte und die Verbindungswirkung von ebendiesem mag ja vielleicht im Zusammenhang mit der Werbung für ein Haargel recht gut ankommen („Hält fest wie Beton!“), bei einer Pflegespülung, bei der die Haare weich und samtig werden sollen, wohl eher nicht. Davon ab zeichnet sich Beton vor allem dadurch aus, dass er menschlichem Gewebe die Feuchtigkeit entzieht. Inwiefern man sich das für seine (beschädigten!) Haare wünscht, sei dahingestellt.

8 Reaktionen zu “Zement-Ceramid Komplex”

  1. George

    Als Friseurmeister kann ich nur sagen daß es nichts, absolut NICHTS gibt, das Strukturschäden im Haar (von chemischer Behandlung oder sonstiger „Folter“) wirklich reparieren könnte. Man kann das Haar vorübergehend glatter, weniger spröde machen, aber eben nicht innerlich diese Schäden ausgleichen. EBenso ist es Bockmist zu sagen eine Haarfarbe sei „pflegend“. Eine Haarfarbe kann weniger schädlich sein als andere, aber pflegen ist ja nun wieder ganz was anderes als schädigen.

    Diese ganzen Phantasienamen in der Werbung finde ich mehr als lächerlich, aber scheinbar gibt es ja genug Kunden die sich ohne weiteres suggerieren lassen sie tätan sich mit dem Kauf der Produktes XXXXX etwas gutes. So kann man weiterhin sein Haar oder den ganzen Körper malträtieren, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, immerhin tut man ja was…

    Lustig ist auch die neue Werbung von Körperpflege mit Urea. „Der neue Wirkstoff Urea…“ ist weder neu, noch etwas besonderes. Aber wer will schon hören daß er/sie sich mit Harnstoff eincremt? Harn? Pisse? Igitt…. Aber Urea, das klingt doch fast wie ein geheimer Wirkstoff der von glücklichen Menschen aus einer Pflanze im Regenwald gewonnen wird :))

  2. Flüge

    Die Werbung läuft ja schon eine ganze Weile im TV und ich habe sie schon öfter gesehen, aber mir ist echt noch nie aufgefallen, dass die von „ZEMENT“ reden. Ich habe das ganze zu „unverständlicher Fachbegriff“ in meinem Gehirn abgespeichert.
    Werbung lügt und trügt ja immer und ich mache mir manchmal mit Freunden den Spaß die Werbesprüche auseinander zu nehmen, aber der Klopper mit Zement ist uns bis jetzt entgangen.

    @George: Interessant Fakten. Ich denke mal es ist trotzdem nicht verkehrt, die „Pflegefarbe“ zu kaufen, wenn sie wenigstens weniger schädlich ist. Es ist aber trotzdem irgendwie Betrug in meinen Augen.
    Was Urea betrifft: Das Urea Harnstoff ist, war mir noch nicht bewusst, wieder eine Werbung, die ich mit anderen Augen sehen werde.

  3. Daniel

    Ceramid ist ein Fetteiweiß und wichtiger Bestandteil von Horn. „Zement“ heißt, dass sich die Ceramid-Moleküle verbinden.

  4. Daniel

    Aja, und…
    Auch jede Zellmembran besteht aus Fetteiweiß – so wie ein Haar.
    Es ist also alles ganz banal. Ob es das Zementceramid aus der Retorte allerdings schafft, unser Haar so perfekt aufzubauen wie Der Große Ingenieur, wage ich zu bezweifeln.

  5. Phillip

    Danke für die Erklärung Daniel.

    Allerdings: „Zement“ heißt, dass sich die Ceramit-Moleküle verbinden

    Das ist doch eine etwas dürftige Erklärung, zumal Zement ein anorganisches hydraulisches Bindemittel für die Baustoffe Mörtel und Beton ist. (Wiki sagt das zumindest)

    Aber Frauen ködert man wohl am besten mit Produkten, welche die Haare sanft wie Seide und die Frisur aber hart wie Beton machen. 😀

  6. Daniel

    Vielleicht hat sich den Werbespruch ein Mann ausgedacht. Wie würde es denn eine Frau sagen? Strick-Ceramid? Nein, die Frauen wollen ja alle emanzipiert sein, die stricken nicht. Seidenmoleküle hatten wir schon mal, oder?
    Wäre natürlich auch interessant zu wissen, wie der Zementspruch wirkt und ob sich der Umsatz erhöht hat.

  7. No-Name-Product » Blog Archive » Haare reparieren? In echt?

    […] Ein Zitat: “Als Friseurmeister kann ich nur sagen daß es nichts, absolut NICHTS gibt, das Strukturschäden im Haar (von chemischer Behandlung oder sonstiger “Folter”) wirklich reparieren könnte. Man kann das Haar vorübergehend glatter, weniger spröde machen, aber eben nicht innerlich diese Schäden ausgleichen. Ebenso ist es Bockmist zu sagen eine Haarfarbe sei “pflegend”. Eine Haarfarbe kann weniger schädlich sein als andere, aber pflegen ist ja nun wieder ganz was anderes als schädigen.” Hier der Link dazu. […]

  8. Martina

    Auch wenn die Einträge hier schon etwas älter sind, will ich trotzdem meinen Senf dazugeben, vielleicht liest da ja mal einer und kann was damit anfangen.
    Seit meine Tochter sich das Zeugs in die Haare sprüht, ist mein gefliester Bedezimmerfußboden die reinste Rutschbahn. Selbst die Matten oder alles, wo sich der feine Sprühstaub ablegt, ist seitdem glatt. Meiner Ansicht nach ist das Produkt insofern eine Gefahr für Leib und Leben, denn ausrutschen ist leichter als auf einer Eisbahn :((

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