Immunofortis und so…

Wieder einmal können sich Fernsehzuschauer berieseln lassen von einer heilen Welt. Aptamil Folgemilch mit Immunofortis macht’s möglich! Während uns oft schon erklärt wurde, dass nichts die Muttermilch ersetzen kann, arbeiten Konzerne in ihren Kampagnen immer noch emsig gegen dieses Wissen. Zwar suggeriert der Term „Folgemilch“ natürlich, dass diese Milch erst nachder eigentlichen Muttermilch verabreicht wird, aber die Packung tut das nicht.

Bei meinen Recherchen fand ich relativ schnell diese Seite (Achtung: Englisch!). Zuerst möchte ich nur auf das Bild der Aptamil-Packung hinweisen. Dort steht ganz deutlich: „if baby is not breasted or[…]“. Auf Deutsch heißt das nun einmal „Falls das Baby nicht gestillt wird oder […]“. Dann sieht man auf der Packung einen großen Schild, der Sicherheit suggeriert und zu allem Überfluss schlummert auch noch ein putziger Eisbär hinter diesem schützenden Schild, der voll und ganz ins Kindchenschema fällt und wahrscheinlich sogar die Mutterinstinkte von so manchen Männern weckt.

Aber welche ominösen Wunder verbergen sich hinter Immunofortis? Ein erster Deutungsversuch aus dem Bauch signalisiert natürlich die offenkundigste aller Lösungen: auch wenn ich es nicht so genau übersetzen kann, klingt es doch gut fürs Immunsystem. Eine Deutung mit Lateinwörterbuch fällt da überraschenderweise schon um Einiges schwerer. Es finden sich gleich vier Einträge, die mit „immun“ beginnen. Der erste davon ist „immunio 4, ivi: hineinbauen“. Für diejenigen, die nie Latein hatten: Die vier ist ein Hinweis auf die Konjugation, ivi ist die Endung des Perfekts. Dann wäre da noch „immunis, e: frei von Leistungen, Abgaben-, Steuerfrei, frei von Bezügen, ohne Geschenke zu geben, dienstfrei, pflichtvergessen, frei, unberührt, gefeit, geschützt, immun“. Außerdem finden wir noch „immunitas, atis, f.: das Freisein, die Befreiung (von Leistungen, Verpflichtungen), Abgabenfreiheit, Vergünstigung, Privileg“ und „immunitus 3: unbefestigt, ungepflastert“. Bei“fortis“ dagegen werden wir nicht mit so vielen Möglichkeiten bombardiert. „fortis: stark, kräftig, fest, rüstig, dauerhaft, fest, mutig, tapfer, energisch, kühn, forsch, tüchtig, gewaltsam“ Wenn man etwas klug auswählt, dann kommt man natürlich zur der Bedeutung, die uns auch unsere Intuition vorspielen soll: Starke Abwehr. Dass mir bei der Zusammensetzung und der Endung auf -o die Haare zu Berge stehen, möchte ich trotzdem noch sagen! Diese existiert nämlich meines Wissens nicht in der konsonantischen Deklination.

Das erklärt uns aber nicht, was drin ist. Eine Google-Suche auf gut Glück (auf gut Glück selbst suchen, nicht die Google-Funktion!) bringt uns z.B. auf diese Seite. Dort steht zu lesen:

„Es ist wissenschaftlich bewiesen: Aptamil stärkt das Immunsystem des Babys auf natürliche Weise, da es IMMUNOFORTIS enthält. Eine einmalige und patentierte Mischung von natürlichen Nährstoffen, welche der Muttermilch nahe ist.“ (Quelle: www.promarca.ch)

An fast gleicher Stelle findet man außerdem:

„Der schweizerische Markenartikelverband Promarca, gegründet 1929, vertritt die Interessen von 95 Mitgliedunternehmen, die einen Nettoumsatz von rund 9.5 Mrd. Franken erzielen. Diese Markenunternehmen beschäftigen rund 17’000 Mitarbeiter und investieren jährlich mehr als 180 Mio. Franken in den Standort Schweiz.“ (gleiche Quelle)

Ich weiß ja nicht, wie das andere sehen, aber ich habe daraufhin beschlossen, Quellen auf neutralerem Boden zu suchen. Übrigens: der zweite Satz kein Verb. Zumindest wissen wir schon, dass es eine „Mischung von natürlichen Nährstoffen“ ist. Aber das ist mein Schnitzel mit Pommes auch…

Die erste Quelle, die wenigstens auf den ersten Blick halbwegs seriös erscheint, fand ich hier. Allerdings scheint die Seite Milupa- dem Hersteller – ebenfalls recht nahe zu stehen. Trotzdem findet man umfangreiche Quellenangaben am Ende der Seite und es scheinen tatsächlich Ergebnisse einer Studie vorzuliegen. Natürlich wird nicht wirklich gesagt, was Immunofortis ist…

An dieser Stelle habe ich noch weitere Suchergebnisse durchgesehen, aber ich wurde nicht mehr fündig. Auch wenn Immunofortis etwas zu bewirken scheint, bleibt ein herber Nachgeschmack beim Betrachten dieser Werbung. Bei Herstellern von Kinder- und Babynahrung setzt sich der Trend fort. Immer wieder wird Müttern Zeug als wichtig, gesund oder sogar „similar to breastmilk“ angeboten, was es in Wirklichkeit nicht ist. Fakt ist, dass die Zusammensetzung von Muttermilch einzigartig ist. Sie enthält nicht nur Nährstoffe, sondern auch Antikörper und Enzyme, die in keiner künstlichen Milch zu finden sind.

Besonders erschreckend erscheint da diese Statistik, nach der 34% der Frauen in England und Wales glauben, dass künstliche Milch der Muttermilch sehr ähnlich ist. Immerhin 29% der befragten Frauen haben nie (!) versucht, ihr Kind zu stillen, unter den unter 24 jährigen sind es sogar 40%! Ich glaube, dass die Marketingstrategien der Babynahrungshersteller nicht ganz unbeteiligt an solchen Entwicklungen sind.

Ich kenne übrigens ein Mädchen, das ohne Muttermilch großgezogen wurde. Sie hat mehr Allergien, als ich auswendig lernen kann und wird recht oft krank.

Und Milupa ist mit seiner Aptamil Folgemilch kein Einzelfall. Auf der oben erwähnten Seite (erster Link) findet sich eine kurze Liste von irreführenden Beschriftungen und in GB eigentlich verbotenen Hinweisen auf Verpackungen von Babymilch. Offensichtlich lässt sich den Euphemismen und Lügen nicht einmal mit Gesetzen Einhalt gebieten. Wirklich traurig.

2 Reaktionen zu “Immunofortis und so…”

  1. Anna

    Ich wurde auch nie gestillt und bin trotzdem groß und stark geworden. Habe keine Allergie und bin ganz selten krank.
    Aber natürlich ist es besser, wenn Babys gestillt werden, das will ich auch gar nicht anzweifeln…

  2. Werbewahn » Die Sache mit dem Essen…

    […] ist eine immer während Aktuelle. Es fängt bei Babys an, wie diese richtig zu ernähren sind, geht bei Kindern weiter, wie man ihnen beibringt, dass gesunde Sachen gut schmecken und […]

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