Kaviar-Protein-Komplex
Der Sommer kommt, die Sonne strahlt, nur die Frauen noch nicht. Denn die sind schon wieder ein Jahr älter geworden und fühlen sich deswegen erwartungsgemäß furchtbar schlecht, zumindest laut Werbung. Gut also, dass der natürlichen Hautalterung durch die Kosmetikindustrie immer wieder neue Riegel vorgeschoben werden, denn bei der Haut erkennt man das Alter wohl noch am ehesten. Da der Markt recht umkämpft ist, müssen alle möglichen tollen Wundermittelchen hinein, um die Gunst der Konsumentinnen zu gewinnen: Sauerstoff, Folsäure, Calcium um nur einige zu nennen, die schon bei der Erwähnung in der Werbung danach klingen, dem Problem Herr zu werden. (Ist es Zufall, dass man auch einem weiblichen Problem Herr werden muss? - Nichts für ungut, geschätzte Leserinnen, die deutsche Sprache birgt eben manchmal wundersame Kombinationsmöglichkeiten.)
An dieser Stelle ist es wohl Zeit, ein neues Produkt vorzustellen: Diadermine Age ExCellium, laut Hersteller die Zellerneuerung à la carte, die Gourmet-Pflege für die Haut, denn es enthält einen (selbstverständlich hochwirksamen) Kaviar-Protein-Komplex. Oho!
Beworben wird die Sache mit einem Spot, der sich gewaschen hat. Frau Ferres wird auf ein Neues gefragt, wie sie es wohl schafft, so jung auszusehen, worauf sie sinngemäß entgegnet, ihre tägliche Portion Kaviar helfe ihr dabei. Die nächste Szene zeigt die beiden Freundinnen unseres Testimonials beim Versuch, sich die tägliche Portion Kaviar (diesmal tatsächlich Fischeier und nicht die Creme) essender- beziehungsweise ins Gesicht schmierenderweise zuzuführen, was Frau Ferres natürlich nur ein Augenrollen entlocken kann. Viel sinnentleerter geht es wohl kaum mehr.
Der Kaviar-Protein-Komplex dringe laut Herstellerbeschreibung tief in die Haut ein, nämlich “bis zu den Hautzellen und der DNA.” Das wirft freilich die berechtigte Frage auf, worauf die Creme denn aufgetragen wird und wo sie zuerst durch muss, ehe sie Kontakt mit den Hautzellen herstellen kann. Zumindest meine Haut besteht nämlich schon in der obersten Schicht aus Zellen. Die Reise unseres Komplexes endet freilich mit Erreichen der Zellen noch nicht, sondern er dringt sogar bis zur DNA vor, die meines Wissens (und wenn Biologie noch nicht so lange zurück liegt) Teil des Zellkerns ist, sich also in der Zelle befindet und repariert dort “lichtbedingte Schäden in der DNA”. Ich weiß nicht, ob Licht die DNA schädigen kann. Ich weiß auch nicht, ob wir heutzutage unsere DNA, unser Erbgut, mit einfachem Auftragen einer Creme reparieren können, oder ob das Humbug ist, wie ich vermute. Was ich hingegen sicher weiß ist, dass mir die Vorstellung von Fischeierextrakt in der Nähe meines Erbguts überhaupt nicht behagt.
Nun ist es ja nicht so, dass Dinge aus dem Wasser erst jetzt von der Kosmetikindustrie (oder dem Marketing?) gefunden wurden. Die Konkurrenz beispielsweise hat schon länger (gleichsam dubiose) Perlenproteine im Sortiment. Doch während mir die Vorstellung daran, dass ich mir irgendeine Pampe aus Perlenstückchen ins Gesicht klatsche noch irgendwie erträglich erscheint, hört der Spaß bei Fischeiern recht schnell auf. Aber: wer schön sein will muss bekanntlich leiden, nicht umsonst sind ja auch Algen (übrigens ebenfalls ein Wasserprodukt) so im Trend und so bleibt die Anwendung, wie wohl auch der Verzehr von Kaviar, Geschmacksache.

19.02.2008, 19:39 Uhr
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Am 19. Februar 2008 um 19:53 Uhr
Nun, wir werden dann wohl erst frühestens in der nächsten Generation sehen, ob sich die Fischgene bis zur DNA der Mutter vorkämpfen konnten.
Wobei… In bestimmten Kreisen ist “Kaviar” der große Bruder vom (Natur-)Sekt… Verständlich, daß die Kosmetikindustrie ihren Kunden diese Wahrheit ersparen möchte
Am 19. Februar 2008 um 23:55 Uhr
Schon immer gab es - z.B. in der Pharmazie - das Bestreben mit durch die Haut aufgenommenen Wirkstoffen Änderungen herbeizuführen. Ohne Erfolg, denn gerade das leistet unsere Haut ja schon seit Jahrtausenden: Den Schutz vor eindringenden Fremdsubstanzen ….
Hin und wieder schien es dennoch Ergebnisse der Forschung zu geben, die nahe am gewünschten Erfolg lagen. Doch nach intensiver Prüfung vermeintlichen Durchbruchs kam der Katzenjammer: Die Innenkonzentration der von außen aufgebrachten Stoffe war zwar unter Versuchsbedingungen gerade noch meßbar, tendierte jedoch bei ‘Probanden’, also ‘lebenden Objekten’ gegen Null …. Penetrationsvermittler hin oder her ….
Es wird aber immer wieder “Gläubige” geben, denen physiologische, rationale oder labortechnische Gründe egal sind - so wie ja immer noch eine große Zahl von Menschen an der Einfluß der Sterne auf unser Leben glaubt …. selige Einfalt …!
Am 20. Februar 2008 um 09:04 Uhr
man kann sich vorstellen, dass man zuerst den Clip ausgedacht hat, und schon danach das Produkt selbst ;o)
Am 21. Februar 2008 um 15:05 Uhr
Du hast noch vergessen, auf das extrem weichgezeichnete Gesicht der Frau hinzuweisen. Wenn man die so sieht, dann könnte man glauben, sie habe einen Gauß’schen Weichzeichner mit Radius 100 Pixel im gesicht…