Vergewaltigung?

Es geht wieder einmal ein Aufschrei durch die Reihen diverser Frauenlobbys. Doch dieses Mal geht es nicht um zu geringe Löhne, Gleichberechtigungsgesetze, ein neues Buch von Eva Herman oder diskriminierende Bundeshymnen von kleinen Alpenrepubliken. Nein. Es geht um die neue Werbekampagne von Dolce & Gabbana.

umstrittene Dolce & Gabbana-Werbung
Foto: Dolce & Gabbana

So sieht es aus, das Objekt der Kritik. Eine Frau mit entblößten Beinen wird von einem halbnackten Mann zu Boden gedrückt. Vier andere Männer sehen mit kalten Blicken zu

“Das ist eine Anstiftung zur Gruppen-Vergewaltigung”, so (Anm. d. Red: die italienische) Frauenministerin Barbara Pollastrini. Mehrere Parlamentarier der Regierungs- und Oppositionsparteien teilen die Meinung der Frauenministerin. Insgesamt 13 von ihnen unterschrieben einen Brief, in dem der Einsatz einer Kommission und die Einstellung der Kampagne gefordert werden. Die stärkste Gewerkschaftsorganisation CGIL rief ebenfalls zum Protest auf. Sollten sich die Designer nicht bei den Frauen entschuldigen, so wollen sie am 8. März zu einem Boykott der Produkte aus dem Hause D&G aufrufen. Ähnliche Reaktionen gab es auch in Spanien. Dort reagierten die beiden Designer uneinsichtig auf die Kritik. “Wir werden das Werbeplakat zurückziehen, aber nur in Spanien, wo man ziemlich zurückgeblieben ist. Was hat ein künstlerisches Foto mit Gewalt gegen Frauen zu tun? Ein Bild ist Kunst, wenn man sie in Frage stellt, müsste man den Louvre und einen Großteil der Museen der Welt schließen.” Martha Stocker, Vorsitzende der SVP Frauenbewegung aus dem Südtiroler Landtag dazu: “Ein solches Motiv bewirbt Gewalt gegen Frauen. Es müsste eigentlich bei allen Entsetzen hervorrufen. Stellen wir uns vor, es wäre ein Kind oder auch ein Vertreter einer rassischen Minderheit, zum Beispiel ein Afrikaner, der da niedergedrückt würde: Der Aufschrei wäre groß. Weil es aber ‘nur’ eine Frau ist, bezeichnen die Modemacher das Entsetzen als ‘rückständig’” (Quelle: Spiegel.de)

Soweit zur Kurzfassung der Geschichte, die sich mittlerweile um dieses Bild rankt. Wie so oft waren auch hier die Urheber des Bildes der Meinung, dass Sex sich nun einmal gut verkauft. Doch im Gegensatz zu Hustenbonbons oder Internetverbindungen kann man Mode einen gewissen Zusammenhang mit Sexualität und vor allem Erotik nicht absprechen (vom Zusammenhang zwischen Internetverbindungen und Sex sei hier der Einfachheit halber abgesehen). Was diese Werbung aber von den anderen abhebt, ist die Pose der Menschen. Im Gegensatz zu anderen Anspielungen ist hier die angedeutete Praktik - nennen wir es mal - unüblich. In der Tat ist es wohl nicht jedermanns jederfraus Sache, etwas grober behandelt und dabei auch noch von vier anderen Männern beobachtet zu werden.

Aber ich bin der Meinung, dass eine solche Szene noch lange keine Anspielung - und schon gar keine Anstiftung! - zur Gruppen-Vergewaltigung ist. Ein solcher Vorwurf ist schlicht übertrieben und dient in meinen Augen nur dazu, ein öffentliches Interesse zu erzeugen, das einer vernünftigen Auseinandersetzung mit dem Thema niemals zuteil geworden wäre. Das Gesicht der Frau hätte wohl - im Falle einer tatsächlichen Vergewaltigung - einen ganz anderen Ausdruck. Ich kann nichts erkennen, das Angst, Schmerz oder Wut ausdrücken könnte. Um ehrlich zu sein finde ich, der Ausdruck hat etwas Sinnliches. Außerdem streckt sie dem Mann ihren Unterkörper regelrecht entgegen. Wollte sie sich tatsächlich befreien, gäbe es wesentlich zielführendere Bewegungen, um das zu bewerkstelligen - vor allem in Anbetracht ihrer spitzen Absätze. Eine Frau festzuhalten und auf den Boden zu drücken muss auch nicht das geringste mit Gewalt zu tun haben. Es gibt mehr als genug Frauen, die es erregend finden, hin und wieder etwas fester gehalten zu werden. Dabei ist das in den meisten Fällen keine Anspielung auf eine Vergewaltigung sondern einfach eine andere Art der Berührung, und sie erfordert viel Vertrauen in den Partner. Gerade das lässt den Vergleich von Frau Stocker mehr als nur hinken. Kinder oder Angehörige von Minderheiten werden wohl kaum absichtlich in eine solche Position kommen und es genießen. Das Einzige, das diese Szene wirklich etwas bizarr erscheinen lässt, sind die vier Zuschauer, die absolut keine Gefühlsregung zeigen. Aber selbst sie machen immer noch keine Vergewaltigung daraus.

Von der anderen Seite her betrachtet ist es auf den ersten Blick sehr wohl verständlich, dass die KritikerInnen über ihr Ziel hinausschießen. Anders konnten sie die Öffentlichkeit nicht erreichen. Aber, dass sie auf diese Art dem Designerlabel zu mehr Publicity verhelfen, als es ohne sie jemals erreicht hätte, konnte wohl kaum der Zweck sein, den sie verfolgten. Außerdem ist es mittlerweile eigentlich nichts Neues mehr, wegen jedes Tabubruchs einen Streit um Sitte und Moral vom Zaun zu brechen. Wirklich etwas erreicht wurde damit noch nie. Selbst wenn die Kampagne gestoppt wird, so hat D&G damit schon mehr Aufmerksamkeit erregt, als sie sich wahrscheinlich jemals erträumt hatten.

Ob das nun wirklich Kunst sein soll, weiß ich nicht. Die Farbgebung und der Ausdruck der Menschen auf dem Bild lässt es sehr surreal erscheinen. Würde es in einer Ausstellung unter nur solchen oder ähnlichen Bildern hängen, wäre bestimmt niemals ein Zweifel daran aufgekommen. Aber die Kunst ist wohl kaum weniger Umstritten als die Werbung, wenn es um Sex geht. Ich kann also nicht wirklich nachvollziehen, wie dieses Argument die Kritiker der Designer davon überzeugen sollte, ihre Meinung zu ändern.

7 Reaktionen zu “Vergewaltigung?”

  1. Martin

    Sieht für mich so aus, als hätte jemand mit Photoshop nur begrenzt umgehen können. Nach Vergewaltigung aber jedenfalls nicht - da muss ich dir zustimmen.

  2. Anna

    Auch meiner Meinung nach, ist das keine Gruppenvergewaltigung. Keiner der Anwesenden ist nicht mindestens mit einer Hose bekleidet, die brav von einem Gürtel verschlossen ist. Und mit den Schuhen dieser Dame würde ich mich auch dagegen wehren können - zumindest begrenzt.
    Und spannen wir den Bogen, dass die Werbung Kunst ist sogar noch weiter… Dann könnte man sagen, dass der Mann und die Frau im Begriff sind, Sex zu haben. Und die Zuschauer einfach nur zuschauen, eben wie man einen Porno ansieht.

  3. Matthias

    *prust* Vergewaltigung? Manchmal glaube ich wirklich, Politiker suchen krampfhaft nach irgendwelchen Dingen, die sie in der Luft zerreissen können…

  4. Martin

    Dolce & Gabbana haben sich laut einem Bericht von “La Repubblica” (italienische Tageszeitung) mittlerweile dafür entschuldigt…

  5. Phillip

    …zeigen aber nach wie vor kein Verständnis für die übertriebenen Reaktionen…

  6. niki

    in jedem bild findet jeder was er sucht

  7. Albedo

    Die Assoziationen in dieser Werbung sind eindeutig. D&G-Werbung war nie besonders originell, warum sollte sich das geändert haben?

Einen Kommentar schreiben