Manchmal erscheint das Produkt so seltsam, dass mir kein vernünftiger Einstieg in einen Artikel gelingen will. So auch bei diesem Produkt. Ich stelle daher den Werbespot, mit dem alles begann, vorweg. Dafür, und das verspreche ich auch gleich an dieser Stelle, wird der Beitrag sicher länger.
Hatte ich richtig gehört? Eine Creme, die man zur Verbesserung der Raumluft auf Wände auftragen muss? Die anscheinend so viel Frische verleiht, dass sie sogar Wände zum Einsturz bringen kann? Mit Lufterfrischern haben wir uns ja schon öfter auseinander gesetzt, meine Neugier war also eindeutig geweckt.
Es gibt diese Creme tatsächlich, nennt sich „IONIT wandcreme“. Und es gibt sogar eine zugehörige Website. Das Versprechen lässt sich so zusammenfassen, dass die einmal aufgetragene Wandbeschichtung die Raumluft ein Leben lang auf natürliche Weise „ionisiert“, was zu verbesserter geistiger Leistungsfähigkeit und einem Belebtheitsgefühl führen würde.
Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema würde den Rahmen dieses Beitrags bei weitem sprengen, nur so viel: Der Hersteller kann auf eine Studie, die „Luftionenstudie 2010“ von drei Medizinern der MedUni Wien, verweisen, die er sogar selbst (in Kurzfassung) zum Download anbietet und die Räumen, die solch ionisierte Luft enthalten, genau die oben beschriebene Wirkung bescheinigt. Daran kann man kritisieren, dass diese Studie vom Hersteller selbst finanziert wurde, es lediglich 20 Testpersonen gab und dass die Studie zwar „statistisch relevante“ Unterschiede (im Vergleich zu Personen, die im nicht behandelten Testraum saßen) zutage gefördert hat, inwieweit diese Unterschiede aber tatsächlich auf den Alltag, bei dem weit mehr Faktoren auf die Raumluft wirken, übertragbar sind, wurde nicht so recht erhoben.
Unsereins öffnet zur Belebung der Raumluft und des Körpers einfach gelegentlich das Fenster oder trinkt, wie auch die Studie anmerkt, einen Kaffee. Interessant wäre auch die Frage, ob das Lüften des Raums einen Einfluss auf die ionisierte Luft hat, die dann wahrscheinlich entweicht oder stark durch die eindringende, nicht so ionisierte Luft verdünnt wird. Nach meinem Verständnis kann nämlich ein Sauerstoffmangel oder stickige Luft nur durch Lüften und keineswegs durch Luftionen ausgeglichen werden. Welche Zeit die Luftionenproduktion erfordert, war leider nicht in Erfahrung zu bringen, man darf also hoffen, dass man als häufiger Stoßlüfter nicht ständig das hart ercremte Ergebnis zunichte macht. Aber sei’s drum.
Die Wandcreme muss mit einem speziellen Handschuh, dem „IONIT cremehandschuh“, auf die Wand aufgetragen werden und zwar laut Broschüre „mit kreisenden Bewegungen“. Aufrollen, wie man das vom Ausmalen gewöhnt ist, ist zwar offenbar möglich (siehe nachfolgendes Video), besser sei jedoch das Auftragen mit dem Handschuh, weil dadurch die Wandoberfläche vergrößert würde.
Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass ich auf das Ausmalen unserer relativ kleinen Wohnung in Wien kürzlich gerne verzichtet hätte. Wenn ich daran denke, dass ich die gesamte Fläche mit dem Creme-Handschuh bearbeiten sollte, dann wird mir schon schlecht. Auch Vergrößerung der Wandoberfläche durch Auftragung einer Creme erscheint mir fragwürdig, aber ich bin kein Techniker, vielleicht werden die Wände ja gleich mitbelebt und wachsen dadurch – praktisch wäre das allemal! Eine allenfalls dadurch entstehende Struktur, die tatsächlich eine Vergrößerung der Oberfläche zur Folge hätte, wird der Normalverbraucher wohl kaum für seine glatten Wände wünschen.
Auf jeden Fall mache das Auftragen richtig viel Spaß, so viel Spaß, dass der Hersteller das sogar mit einem eigenen Video demonstriert:
Spaß beim Cremen ist auch dringend geboten. Sonst dürfte das nämlich ein insgesamt eher teures Vergnügen werden: Ein 10 kg Tiegel der besagten Creme, der laut Hersteller für eine Fläche von 12,5 m² ausreicht, schlägt mit 180 Euro zu Buche. Nehmen wir also als einfaches Rechenbeispiel unsere relativ kleine Wohnung in Wien mit etwa 200 m² Wand- und Deckenfläche, beläuft sich der Spaß auf stolze 2.880 Euro. Zum Vergleich: Ein ziemlich guter, handelsüblicher, mit Strom betriebener Luftionisator kostet etwa 200 Euro. Ginge man von einem Durchschnittsverbrauch von 30 Watt und 24-stündigem Betrieb aus (wobei viele Geräte mit deutlich weniger auskommen), könnte man das Gerät, vorausgesetzt es ginge nicht kaputt, bei einem Strompreis von 20 Cent/kwh für den Differenzbetrag derzeit etwa 50 Jahre laufen lassen.
Zuletzt verweise ich noch dezent darauf, dass wohl auch Räume mit gecremten Wänden nach gewisser Zeit einen Neuanstrich vertragen können. Die Wandcreme hält laut Hersteller zwar „ein Leben lang“, ein Übermalen („mit Fett oder anderen Beschichtungen“) bringt den Effekt aber zum Erliegen. Der zwischen den Anstrichen liegende Zeitraum obliegt zumeist dem Rauminhaber selbst, er dürfte aber in der Regel deutlich unter den oben dargelegten 50 Jahren liegen, sodass auch der Spaß beim Cremen kein einmaliger bleiben dürfte.